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Im Gespräch mit Dr. Jan-Hendrik Kamlage

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Der Forschungsbereich Partizipationskultur am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen ist eines der ersten wissenschaftlichen Kompetenzzentren für Partizipation in Deutschland. BioDisKo hat mit dem Leiter des Bereiches Dr. Jan-Hendrik Kamlage am 12. August ein Interview in Essen geführt.

Warum forscht ihr im Feld der Bioökonomie?

Deutschland verfolgt ambitionierte, klimapolitische Ziele und hat sich dazu in der EU verpflichtet. Um die Ziele zu erreichen, müssen sich unsere bisherige Wirtschaftsweise und unser Konsumverhalten allerdings fundamental verändern. Die Notwendigkeit sollte in diesen Zeiten auch dem Letzten klar sein: Wir erleben schon heute dramatische Veränderungen der Natur, die wir eigentlich erst zum Ende des Jahrhunderts erwartet hätten, wie etwa das Auftauen der Permafrostböden, das Verschwinden des Eispanzers in der Arktis und die Zerstörung der Korallenriffe. Es gibt Ideen und Konzepte im Feld der Bioökonomie, die uns bei der Abkehr vom zerstörerischen Umgang mit der Natur helfen sollen. Die Grundidee dabei ist: Unsere Wirtschaft braucht in Zukunft weniger fossile Rohstoffe, wie etwa Erdöl und Kohle. Stattdessen bieten nachwachsende Rohstoffe, die wir mehrfach und möglichst lange nutzen, die Möglichkeit, klimafreundlicher und nachhaltiger zu leben. Erdölbasierter Plastikmüll fällt dann beispielsweise nicht mehr an. Die Bioökonomie nachhaltiger zu machen, ist allerdings noch ein großes Ziel. Bisher wird sie ja vorwiegend technologisch und industriell gedacht, meiner Meinung nach braucht sie aber dringend auch Perspektiven, die ganz direkt unsere Art zu leben und unseren Lebensstandard zum Thema machen.

Ist die Beteiligung von Bürger*innen für eine nachhaltige Bioökonomie wichtig?

In Deutschland wissen die Bürger*innen bisher relativ wenig über die Bioökonomie und deren Möglichkeiten und Grenzen. Die Gestaltung dieses Zukunftsfeldes liegt bisher in den Händen von wenigen – Expert*innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für eine umfassendere Bewertung der Konzepte, Technologien und ihren Auswirkungen, benötigen wir dringend vielfältige, gesellschaftlich fundierte Perspektiven und Einschätzungen. Hier ist die Beteiligung von Bürger*innen ein wichtiger Baustein. Ein bioökonomischer Umbau der Wirtschaft ist zwingend an die Zustimmung und Mitwirkung der Bürger*innen gebunden. Beteiligung ist hier das Mittel der Wahl, um diese Entwicklung gerecht, fair und demokratisch zu gestalten. Geht man den Weg der Partizipation, lassen sich z.B. Konflikte der Biomassenutzung, wie die „Tank-Teller-Debatte“ oder die „Vermaisung der Landschaft“, konstruktiv und gemeinschaftlich bearbeiten.

Wie erforscht ihr die Perspektive und die Bedürfnisse der Bürger*innen?

Für uns ist es wichtig, mit möglichst verschiedenen, gesellschaftlichen Gruppen zu sprechen, um viele Meinungen kennenzulernen. Erst dadurch kann man als Sozialwissenschaftler*in herausfinden, wie der Begriff Bioökonomie von den Menschen verstanden wird und was ihrer Meinung nach wesentliche Herausforderungen und Potentiale sind. Ein Baustein sind dabei Verfahren, die in der Forschung unter dem Begriff der dialogorientierten Beteiligung gefasst werden. Diese Verfahren schaffen Raum für intensive Beratungen und ermöglichen es, Kontroversen und Streitigkeiten zu bearbeiten. Ziel ist, das Wissen der Teilnehmenden zusammenzubringen und hieraus Empfehlungen für die Politik abzuleiten. Hier setzen wir an. In unserem Projekt BioDisKo erproben wir verschiedene Dialogverfahren, wie den Bürger*innenrat oder den Zukunftsrat.

Und Kommunikation spielt auch eine Rolle?

Auf jeden Fall. Uns interessieren alternative Kommunikationsmethoden, zum Beispiel das „Visual Storytelling“, um Informationen durch Grafiken und visuelle Medien zu vermitteln. Auch haptische Formen der Kommunikation halten wir für förderlich, um das noch unbekannte Thema der Bioökonomie für verschiedene Gruppen lebensnah und verständlich aufzubereiten. Zum Beispiel durch Ausstellungen, wie „Bioökonomie zum Anfassen“ von C.A.R.M.E.N. e. V., in der man Produkte wie Filzstifte, Baumaterialien oder Besteck aus biobasierten Materialien ausprobieren kann. Hierbei auch Nachhaltigkeitskriterien, wie Arbeitsbedingungen oder den ökologischen Fußabdruck der Produkte darzustellen, stehen allerdings noch aus – halte ich aber für wichtig!

Was habt ihr denn in den Gesprächen mit den Bürger*innen über das Thema Bioökonomie erfahren?

Aus den bereits geführten Interviews mit Bürger*innen sowie aus dem Bürger*innenrat lassen sich kritische und positive Stimmen, Resignation und Hoffnung gegenüber Formen einer biobasierten Wirtschaft finden. Wir sehen auf einen großen Wunsch nach Einbeziehung und großes Interesse am Thema. Die Bereitschaft zur Diskussion ist definitiv da. Wir stellen aber auch fest, dass eine große Unsicherheit besteht und die Konzepte bisher kaum in der Gesellschaft angekommen sind – es gibt einzelne Begeisterte, Kritiker*innen aber auch viele, für die das Thema noch ein ungeschriebenes Blatt Papier ist. In Gesprächen wird auch immer wieder der Widerspruch zwischen dem Wunsch ständig & überall und gleichzeitig weniger zu konsumieren sichtbar. Das wollen wir uns zukünftig genauer anschauen, um zu überlegen, welche Geschichten und Bilder damit verknüpft sind, wenn wir weniger Dinge nutzen, aber auch anders nutzen, indem wir Sie zum Beispiel teilen.

Welches sind die größten Herausforderungen in der Kommunikation für eine nachhaltige Bioökonomie?

Für uns liegen die Herausforderungen in der Gestaltung der Beteiligungsangebote: Wie sollten diese organisiert und gestaltet werden? Wir beschäftigen uns dabei insbesondere mit möglichst unterschiedlichen Personengruppen und der Frage, welche Informationen wir wie bereitstellen, um die verschiedenen Positionen von Themen verständlich aufzubereiten – wir wissen ja auch bereits aus den Feldern der Nachhaltigen Entwicklung, dass es enorm wichtig ist, die Möglichkeiten und Risiken, lebensnah und verständlich zu vermitteln und gerade auch Menschen anzusprechen, die bisher kaum in den Debatten vertreten sind. Hierfür holen wir uns Unterstützung bei professionellen Dienstleister*innen, die über viel praktische Erfahrung in der Umsetzung von Beteiligungsverfahren haben. Unser Ziel ist es außerdem, eine hohe Unparteilichkeit zu gewährleisten, damit die Bürger*innen offen in ihrer Meinungsbildung sein können.

Wir danken dir für das Gespräch, Jan-Hendrik!